Studiengang Philosophische Praktikerin /Philosophischer Praktiker

Diplom:  Zertifizierte Philosophische Praktiker/In mit Spezialgebiet Leibphilosophie 

Warum Philosophische Praktikern oder Philosophischer Praktiker werden?

Studiengang St. Gallen 2008-2010

 

Vor dem ersten öffentlichen Philosophischen Salon verkleidet als die Philosophinnen Aglaia (Schülerin von Sappho), Helene Stöcker, Luisa Muraro, Erika Wisselink, Rosa Mayreder, Hannah Arendt, Marguerite Duras, Annegret Stopczyk (unverkleidet) , Christine de Pizan

Der Bedarf an sogenannten „Reflexionsräumen“ in unseren älter werdenden Gesellschaft steigt. Informationsüberflutung lässt das Bedürfnis nach innerer Orientierung wachsen. Dabei soll die leibliche Dimension nicht mehr für unsere Erkenntnisgewinnung benachteiligt werden. Geist und Körper gehören zusammen. Das weist uns auch die neuere Gehirnforschung nach.

Leibphilosophie integriert verschiedene Methoden des Denkens und Fühlens, um sich selber näher zu kommen, aber auch, um die Welt um sich herum besser verstehen zu können. Indem ich besser verstehe, was um mich herum passiert, entstehen auch mehr Möglichkeiten die Welt mit zu gestalten. Eigenes Verständnis wird dabei direkt in der Lebenserfahrung überprüfbar.

In der westlichen Welt entstehen immer mehr Philosophische Praxen, in denen sich Menschen mit ihren Lebensfragen beraten. Aber sie verbleiben methodisch zumeist im traditionellen sprachlichen Vernunftbereich. In der leibphilosophischen Praxis geht es um die Integration von Vernunft und leiblichem Spürvermögen, damit die Lösungen für Lebensfragen und Fragen darüber hinaus umfassender und damit auch effektiver werden können. Hierbei handelt es sich nicht um die Therapie einer Krankheit, sondern um die Vertiefung von Klärungswünschen, damit eigenes Handeln selbstbestimmt verwirklicht werden kann und auch Krankheiten weniger entstehen.

Die innere Haltung zu Krankheit und Gesundheit, zu Leben und Tod, zu Kreativität und Selbstbestimmung  und der Bezug zum Weg der Menschheit insgesamt ist Hintergrund aller Themenbereiche.

In vielen Berufsfeldern wird immer mehr Philosophische Beratung einbezogen, ob es in der Sterbebegleitung ist oder als Ethik in Unternehmen. Philosophische Veranstaltungen (Cafes, Zirkel, Vorträge, Seminare, Kinderphilosophie und Reisen) werden gut besucht. Philosophische BeraterInnen kommen aus unterschiedlichen Zusammenhängen; in Kanada und den USA gibt es bereits universitäre Lehrstühle für diesen neuen Beruf.

So entsteht ein neues Berufsfeld alter Tradition. Diese alte Tradition war allerdings bisher patriarchal dominiert und wird nun spezifisch für geschlechterpolitische und weibliche Zugänge geöffnet. Dabei werden Ergebnisse der Frauen/Männerforschung einbezogen. Dieser Studiengang  ist darauf angelegt, dass alle Beteiligten selber forschend teilnehmen.

Diese Ausbildung zur Philosophischen Praktikerin mit leibphilosophischer Schulung nach Konzepten von Dr. Annegret Stopczyk-Pfundstein besteht aus 5 Semestern mit theoretischen und praktischen Schwerpunkten, die alle einführend eingebracht werden. Außer einer wie auch immer gearteten Freude am Philosophieren muss keine schulische Voraussetzung mitgebracht werden. Allerdings sollten Lesen und Schreiben in deutscher Sprache sehr gut möglich sein.

Den Zeitrahmen von zweieinhalb Jahren brauchen wir für diese Ausbildung zur professionellen Philosophin oder zum professionellen Philosophen, weil in den Zeiten zwischen den Veranstaltungen ebenfalls eine philosophische Entwicklung statt finden kann, die für die Praxis gebraucht wird. Es geht nicht nur darum, Wissen anzuhäufen, sondern eine innere philosophische Haltung zu gewinnen, die sich beginnen kann zu festigen. Dafür brauchen wir längerfristigere zeitliche Kontinuität in der sich philosophische Selbsterfahrung auch ereignen kann. 

Der Vorteil, zweieinhalb Jahre lang in einer Gruppe zu lernen, die sich nach dem italienischen  Affidamentokonzept der Diotimaphilosophinnen orientiert, wird sicherlich einen nachhaltigen positiven Einfluß auf das eigene Selbst- und Weltbild ausüben.

Die Philosophin Dr. Annegret Stopczyk-Pfundstein hat nach der Wende in Brandenburg und Sachsen-Anhalt LehrerInnen zu EthiklehrerInnen über eine längere Zeit kontinuierlich weiter gebildet und dabei viele Erfahrungen gemacht, die sie auch für die Frauenweiterbildung sinnreich einbringen kann.

Geschult werden

·        Fachphilosophisches Wissen mit patriarchatskritischem Hintergrund

·        Leibphilosophisches Spezialwissen

·        Kompetenzen zum Schreiben, Lesen und Vortragen philosophischer Gedanken

·        philosophische Beratungsprozesse durchführen

·        philosophische Methoden der Selbstreflexion und des Spürvermögens

·        individuelle Zugänge zur philosophischen Kompetenz

·        praktisch organisatorische Voraussetzungen zur Führung einer Philosophischen Praxis oder anderer praktischen Veranstaltungen der Philosophie  

Das Ziel des Studienganges ist es, sich selber als tätige Philosophin oder Philosophen in der Welt orten zu können, um in die Gesellschaft philosophische Praxisangebote  erfolgreich einzubringen. Darüber hinaus lässt sich ein ausgebildeter philosophischer Hintergrund in jedes Tätigkeitsfeld integrieren. Gerade die spezifische leibphilosophische Schulung ist für Menschen, die im therapeutischen Zusammenhang tätig sind, sehr praxiserhellend.

Seit der Antike vor 2600 Jahren ist das Ziel der Philosophischen Praxis die persönliche Weiterentwicklung. Auch in der leibphilosophisch ausgerichteten Ausbildung hat dieses antike Ziel der Selbsterkenntnis Priorität. Denn ohne ein eigenes Selbstbewusstsein ist ein professionelles Dasein als Philosophin und Philosoph in der Gesellschaft nicht möglich. Dennoch sollte über das Ziel der Selbsterkenntnis hinaus an der Gesamtentwicklung der Menschheit ein Interesse bestehen oder sich einstellen.

Durch eine menschlich offene und warmherzige Haltung holt die Dozentin die TeilnehmerInnen dort ab, wo sie stehen und hilft philosophische Potenziale zu erkennen und im Seminar und andernorts umzusetzen.

Zum Kennenlernen der Studienleiterin als Philosophin und als Einstimmung in die Ausbildung ist ihr Buch „Nein danke, ich denke selber – Philosophieren aus weiblicher Sicht“ (Aufbauverlag Berlin) Bedingung zu lesen. Für den gesamten Studiengang sind ihre weiteren vier Bücher ebenfalls Hintergrund:

·        Sophias Leib – Der Körper als Quelle der Weisheit. 1. Auflage Carl-Auer-Systeme-Verlag 1998. 2.Auflage books on demand 2003

·        Philosophin der Liebe- Helene Stöcker. Die „Neue Ethik“ um 1900 in Deutschland und ihr philosophisches Umfeld. Books on demand 2003

·        Was Philosophinnen über die Göttin denken. Mitautorinnen Heide Göttner-Abendroth und Marit  Rullmann, Christel Göttert-Verlag 2007

·        Was Philosophen über Frauen denken. Antiquarisch zu erhalten im Internet zvab.de oder dasselbe Buch mit dem Titel Muse Mutter Megäre, ebenfalls antiquarisch vorhanden auch bei Amazon.

Dieser einzige Studiengang für leibphilosophisch orientierte Philosophische PraktikerInnen ist ein Forschungsweg. Wir entwickeln gemeinsam die besten Möglichkeiten für uns zu lernen und uns als PhilosophInnen zu entwickeln. Manche oder mancher mag sich noch nicht als Philosophin oder Philosophen bezeichnen. Umso spannender wird es sein, ab wann es geschieht. Die Kompetenznachweise können je nach den individuellen Begabungen unterschiedlich favorisiert sein. Wenn z.B. eine Person die Begabung des Schreibens hat, kann sie etwas mehr Schreiben als eine, die mehr die Begabung des Moderierens hat und die nicht gern schreiben mag. Jede Philosophin und jeder Philosoph entwickelt eine eigene Art, philosophisch aktiv zu sein.  

Detaillierter Aufbau des Studienganges  

Überblick:

Der Ausbildungslehrgang besteht aus 5 Semestern mit insgesamt 340 Lehrstunden.    

Zusätzlich werden benötigt: 50 Praxisstunden nach Vereinbarung und die Bereitschaft von mindestens 15 Stunden im Monat zum Selbststudium und gelegentlichem Treffen mit MitstudentInnen zwischendurch

Das Studium beinhaltet vier thematische Schwerpunkte: Allgemeiner Überblick zur Philosophiegeschichte, Neuere Gehirnforschung, Ethik und Leibphilosophie. 

Methodisch werden im Anfang mehr die "Handwerkszeuge" und das Affidamento leibphilosophisch unterstützt geübt, zur zweiten Hälfte hin geht es mehr um Vertiefungen, so dass am Ende mindestens eine gründlichere Werkvertiefung über eine Philosophin oder einen Philosophen vorgeführt wurde. Die Abschlussarbeit ist frei nach eigenem Thema.

1. Semester

Zuerst geht es um grundlegende Einführungen in Themen und Methoden. Dabei ist die Absicht, einen Überblick zur Philosophiegeschichte mitzugeben, damit wir die Geschichte von Gedanken und Konzepten leichter verstehen können und damit auch Hintergründe, warum bestimmte Philosophien überhaupt in der Gesellschaft ankommen oder auch nicht ankommen. So können wir Hannah Arendt nicht ohne Kant und Aristoteles verstehen und Kant nicht ohne Leibniz und Lady Ann Conway. Es gibt wohl keine Philosophie, die ohne Bezug auf andere Philosophien verstehbar wären. Die Philosophiegeschichte ist eine jahrtausendelange Diskussion um wenige Themen, mit vielen verschiedenen Interpretationen.  Zusammenhänge hier angemessen zu wissen, macht die zukünftige philosophische Praktikerin und den zukünftigen philosophischen Praktiker  sicher im Auftritt. Hier lernen wir auch, wie verschieden Menschen philosophieren können. Das ist auch wichtig für die Philosophische Praxis. Menschen, die eine Praxis aufsuchen, denken, fühlen und lernen sehr unterschiedlich. Und das ist gut so, weil jede und jeder einzigartig lebt, wenn individuelle Entwicklungsmöglichkeiten in der Gesellschaft da sind. Dafür ist es auch sinnvoll, sich mit Gesprächsstilen und zwischenmenschlichen Beziehungsformen zu befassen.

Die Leibphilosophie begleitet den gesamten Studiengang. Sie wird aber an Stellen thematisiert, an denen der Zusammenhang mit anderer Philosophie erkennbar wird. Zwei Tage wird praktisch die Methode der Leibbefragung geübt, die Dr. Annegret Stopczyk in ihrer philosophischen Praxis entwickelt hat. Dabei geht sie wie Sokrates davon aus, dass jeder Mensch eine Art "Gesamtwissen" in sich trägt und nur die gekonnte Fragemethode zu verblüffend klärenden Antworten verhilft. Zusätzlich nutzt sie ihre Kenntnisse des Biofeedback mit der Muskelspannungsprüfung und vernetzt altes mit neuem Wissen über individuelle Weisheitsvorgänge. Hierbei geht es als Nebeneffekt auch darum, Gehirnbalancen anzuregen, die neue oder andere Vernetzungen des Erlebens erlauben. Das Maß dabei ist immer die eigne individuelle Realität der gefragten Person, die zum Ausdruck kommt.  Sie entscheidet am Ende, ob es schlüssig ist oder nicht. 

2. Semester

Unsere Gesundheit wird zumeist nur im körperlichen Sinne thematisiert, oder als psychische Störung. Aber zu unserer Gesundheit gehört eine ausgebildete Mentalfähigkeit dazu, damit wir selber denken können und nicht nur nachdenken, was wir an Meinungen vorfinden. Gesundheit kommt nicht automatisch, wenn Krankheiten fehlen, sondern sie ist eine Vitalität, die gestaltet – sich selbst, aber auch die Welt und andere Menschen. Dabei sollten wir wissen, welche Möglichkeiten wir haben, auch aufgrund unserer veränderbaren (plastiziblen) Gehirnzusammenhänge. Dieses Wissen kann uns bei der Selbst- und Weltgestaltung bewusster orientieren. Die neuere Gehirnforschung gibt uns neue Kenntnisse, wie wir alle Themen der Philosophie angemessener und leibphilosophischer beantworten können.  

3. Semester

Wahrscheinlich wird sich die Ethik in den nächsten Jahren aus der Philosophiewissenschaft aussondern, so wie vor 100 Jahren die Psychologie oder vor 200 Jahren die Naturwissenschaften, um ein eigenes Fachgebiet zu werden. Die ethische Grundfrage, warum wir so oder so handeln sollten, begleitet die Philosophische Praxis als Dauerthema.  Dazu einige Grundkonzeptionen zu kennen, um Antwortmöglichkeiten erörtern zu können, ist sinnvoll. Wie aus leibphilosophischer Sicht hierbei neue Dimensionen der Entscheidungsfindung dazu kommen, das wird experimentell eingebracht. Eine erste gemeinsam vorbereitete öffentliche Veranstaltung, sei es ein Philosophisches Cafe oder ein Philosophischer Salon oder eine neu erdachte Methode des Philosophierens im öffentlichen Raum (Park) nimmt die hemmungen weg, im Kontakt mit fremden Menschen zu philosophischen Themen zu sein. Diese ersten Erfahrungen sind überaus erfreulich und motivieren zu mehr. 

 4. Semester 

Die meisten Menschen kommen in eine philosophische Praxis zur Beratung, um ihre eigene Handlungsvorstellungen genauer abzuklären. Es geht selten nur um Theorie. Wir fragen: Wie kommt eine Idee zur Handlung? Welche Menschenbilder leiten unser Leben an? Und was soll geändert werden? Wenn der innerliche Mensch in seinen Bedingungen erkannt wird, können Erkenntnisse, die handlungsorientiert  sind, sehr schnell neu entstehen. Philosophie Erkenntnis kann direkt handlungsanleitend sein und zu mehr Lebensfreude beitragen. Der aufgeklärte philosophische Glaube geht davon aus, daß jeder Mensch sich jederzeit nach eigener Erkenntnis neu orientieren kann. Festgelegt sind wir meistens durch Unkenntnis.

5. Semester

In diesem eher praktischen Teil werden wir oft gestellte philosophische Fragestellungen mit ihren Antworten kennenlernen und gegenseitig Anwendungsübungen machen. Dabei werden wir uns gegenseitig beraten und unterstützen. Das Thema Sterbebegleitung wird sicherlich eine große Herausforderung sein, weil hier die „philosophische Seelsorge“ in ihrer tiefsten Dimension verlangt wird. Wer sterbende Menschen auch in Gesprächen begleiten kann, wird durch diese Erfahrung selbst zur Philosophin oder zum Philosophen. Keine Ausbildung kann das ersetzen. Für diesen Lehrteil werden wir eine fachlich erfahrene Sterbebegleiterin einladen oder sie besuchen.

Für die Abschlussprüfung wird eine schriftliche Abschlußarbeit und eine mündliche Fragezeit verlangt.

Zu den speziellen Philosophien: Intensivere Einführungen in die Philosophien von Sappho, Aristoteles, Spinoza, Kant, Nietzsche, Helene Stöcker, Hannah Arendt, Martha C. Nussbaum sind auf jeden Fall "dran", aber es können auch alle anderen Philosophinnen und Philosophen thematisiert werden, wenn ein Wunsch danach besteht. Das wichtige dabei ist, Anregungen zum selber weiterforschen  zu geben, damit genügend Stoff da ist, um mit den KlientInnen auf philosophische Themen in ihrem Leben zu kommen. Eigene philosophische Gedanken sind aber das Ziel. Die Gedanken der Anderen sind nur zur Übung und Anregung Seminarinhalt.

Die Studiengebühr beträgt in  Zürich 7.560 CHF bzw. 5.000,- €.

Bei mehr als 10 Teilnehmenden vermindert sich die Gebühr. Die maximale Anzahl sind 18 Teilnehmende. 

Studienleiterin: Dr. Annegret Stopczyk-Pfundstein   (Agentur für angewandte Ethik und Philosophie - Philosophische Praxis Stuttgart)  

Den Vertrag erhalten Sie von Dr. Stopczyk. E.mail: stopczyk-philosophie@stopczyk-philosophie.de